Luftsport-Verband
Bayern e.V.

„Segelfliegen wie Gott in Frankreich“

Aus diesem Grund haben wir uns entschlossen, am Multiplikatoren-Lehrgang des DAeC in Saint Auban teilzunehmen. Der Lehrgang richtet sich an junge Fluglehrer mit keiner oder geringer Alpenflugerfahrung. Genau das Richtige also für uns. Wir, das sind Jonas und Simon. Normalerweise fliegen wir in Cham und Pfarrkirchen im schönen Ostbayern. Das höchste, was uns bisher so in die Quere gekommen ist, war der große Arber im Bayerischen Wald. Auch der kann mit seinen 1.456m durchaus mal im Weg stehen, ist aber definitiv nicht vergleichbar mit den imposanten Erhebungen der Seealpen.

Mitte August ging es also los, mit zwei Segelfluganhängern und ordentlich Gepäck. Knapp 1.100 km wurden an zwei Tagen gefahren, bis wir schlussendlich bei strömendem Regen in Saint Auban ankamen. So hatten wir uns das eigentlich nicht vorgestellt. Aber nach einer guten Stunde war der Gewitterschauer durchgezogen und wir konnten unsere Zelte aufstellen. Es sollte dann auch der einzige Regen in den knapp zwei Wochen in der Provence bleiben.

Kurz darauf wurden wir von unseren beiden Lehrgangsleitern begrüßt. Zum einen ist das Gerd Weinelt, der sicherlich vielen Fliegern in Deutschland bekannt ist. Als ehemaliger Bundesjugendleiter und BWLV-Ehrenpräsident hat Gerd den Luftsport über viele Jahre geprägt. Der zweite Trainer ist Janik Eggler. Auch er dürfte vielen ein Begriff sein, beispielsweise als Coach bei Jugendleiter- oder Fluglehrer-Lehrgängen.

Am Montagmorgen war erst einmal Briefing angesagt, pandemiebedingt mit Maske und täglichem Fiebermessen. „Wir werden jetzt Karten präparieren, ihr macht euch kurz mit dem Außenlandekatalog vertraut und dann treffen wir uns gleich bei den Flugzeugen zum Fliegen.“ Nach einem kurzen Schockmoment wurden wir aber aufgeklärt, dass wir die ersten Tage natürlich nur doppelsitzig mit Trainer fliegen. Learning by doing stand also auf dem Programm – oder anders ausgedrückt: Rollentausch. Vom Fluglehrer zum Flugschüler. Irgendwie konnten wir wieder ein bisschen nachvollziehen, wie sich unsere eigenen Schüler im Cockpit manchmal fühlen: Zum Teil etwas überfordert, andererseits aber auch total fasziniert.

So konnten wir am ersten Tag die nähere Umgebung kennen lernen und bekamen zu jedem Gipfel auch sofort einen Namen genannt. Wenn euch Namen wie „Lure“, „Blayeul“, „Dormillouse“ oder „Auribeau“ noch nichts sagen, dann seid ihr in guter Gesellschaft. Nach der Landung konnten wir die vielen, neuen Eindrücke gemütlich am wunderschönen Campingplatz ausklingen lassen.

Bereits am nächsten Tag kam für uns mehr und mehr Struktur in die schroffen Berge der Provence. Auch mit den Namen klappte es schon deutlich besser. Eine erste Erkenntnis als Flachlandflieger: Im Gebirge muss man wirklich haargenau wissen, wo man gerade ist. Und dazu gehören nun einmal teils schwer aussprechbare, französische Bergnamen.
Um die Flugtechnik in den Bergen zu vertiefen, kam es schon mal vor, dass sich der Bremsklappengriff neben uns plötzlich nach hinten bewegte, bis der Flieger wieder deutlich unter Grat war. So wurden wir von unseren Trainern „gezwungen“ zu üben, auch von unten wieder aus dem Gelände hoch zu achtern. Eine Übung, die man alleine ganz sicher nicht machen würde – die aber hilft, weniger in Stress zu verfallen, wenn man doch mal tief kommen sollte.

Ab dem dritten Tag erflogen wir uns jetzt auch einsitzig die „Spielwiese“ der Provence. Und die ist ganz schön vielseitig: Wir flogen über Lavendelfelder auf dem Plateau de Valensole im Süden, neben schroffen Steilwänden des Parcours oder über die türkisblauen Seen Lac de Sainte-Croix und Lac de Serre-Ponçon.

Aber wir wurden auch einsitzig nicht ganz allein gelassen: Über unsere zugeteilte Lehrgangs-Funkfrequenz wurden wir im Flug von unseren Trainern gecoacht. Auf was jedoch verzichtet wurde, ist gemeinsamer Teamflug. Denn die Philosophie im Lehrgang lautete: Nur durch eigene Entscheidungen und basierend auf den vermittelten Kenntnissen lernt man, was es ausmacht, in den Alpen zu fliegen. Genauso gehörte zum sicheren, gecoachten Fliegen die regelmäßige Abfrage der aktuellen Position. Da wären wir wieder bei den Bergnamen, die wir mittlerweile größtenteils verinnerlicht hatten. Naja – zumindest fast – manchmal mussten wir doch noch in der Karte spicken.

Auch in der täglichen Theorie-Session wurde jeden Morgen so einiges behandelt: Wie funktionieren die Windsysteme? Was sind Besonderheiten der Luftraumsituation in Frankreich? Aber nicht nur die angenehmen Themen wurden angesprochen.  Die Analyse von Unfällen und deren Vermeidung stand ebenso auf der Tagesordnung. Dazu gesellten sich allgemeine Themen für uns Fluglehrer, wie die neue Lizenzgebung nach SFCL. Eines der Pflichtthemen, um auch die Voraussetzungen für eine FI(S)-Fortbildung zu erfüllen.

Nach fünf fordernden, aber auch wunderschönen Flugtagen beschloss der gesamte Lehrgang, bei schwächerem Wetter zwei Tage Auszeit zu nehmen. So ging es an einem Tag im Auto entlang der klassischen Flugrouten und wir konnten die Landefelder und die anderen Flugplätze auch mal vom Boden anschauen. Bislang kannten wir diese nur von oben und aus dem Außenlandekatalog. Eine Erfahrung, die im Falle einer Außenlandung definitiv hilft und die wir jedem Alpenflieger nur wärmstens empfehlen würden. Vor allem, wenn man unterwegs noch an einem Eiscafé Halt machen kann. Der zweite freie Tag wurde zur Erholung genutzt: Wandern, Verdun-Schlucht oder baden im Mittelmeer standen auf dem Programm.

Pünktlich zur zweiten Woche wurde der Wind etwas stärker, so dass wir sowohl in der Theorie als auch in der Praxis auf eine weitere Facette der Alpenfliegerei eingehen konnten: Wellenflug sowie der Flug mit Sauerstoff. Eine wahnsinnig schöne Erfahrung, die von Kontrasten geprägt ist. Zunächst der Kampf mit den turbulenten Rotoren, die hier in Südfrankreich aus der Thermik erflogen werden können. Anschließend folgt dann die Belohnung durch das absolut ruhige, laminare Steigen. Etwas ganz Besonderes, genauso wie das Fliegen in diesen Höhen an sich. Bis weit über 4.000 Meter, teilweise sogar bis FL195 konnten wir einige Wellen ausfliegen und so die schöne Provence von ganz weit oben anschauen. Auch das ist ein Kontrast zur felsnahen Fliegerei an den normalen Alpenflugtagen.

Die zweite Woche neigte sich langsam dem Ende zu, als uns leider eine schlechte Nachricht erreichte: Die Bundesregierung hat die gesamte Region Provence-Alpes-Côte d’Azur zum Corona-Risikogebiet erklärt. Obwohl sich das Infektionsgeschehen zu diesem Zeitpunkt fast ausschließlich an der Mittelmeerküste abspielte, hieß dies für uns: Pflichttest und anschließend häusliche Quarantäne bis zum negativen Testergebnis. Das eigens für Frankreich-Rückkehrer eingerichtete Testzentrum an der Autobahn bei Freiburg im Breisgau lag aber ohnehin fast bei allen Teilnehmern auf der Reiseroute und konnte sogar mit Segelflug-Anhänger bequem durchfahren werden. Alle bekamen noch am Wochenende das negative Testergebnis. Dass sich am Flugplatz in Saint Auban nach unserem Kenntnisstand in der gesamten Saison kein Urlauber angesteckt hat, lag mit Sicherheit auch am straffen Hygienekonzept des CNVV.

Nach zwei ereignisreichen Wochen stand für alle Teilnehmer fest: Es war ganz sicher nicht der letzte Aufenthalt in den französischen Seealpen – möglicherweise in ein paar Jahren auch auf der anderen Seite: als Trainer für den eigenen Verein oder eine Jugendgruppe. So, wie es das Ziel des Lehrgangs ist: Multiplikatoren ausbilden und ihnen das Rüstzeug mitgeben, um später einmal selbst die Schönheit der Alpenfliegerei vermitteln zu können. Allerdings mit einem großen Fokus auf die Sicherheit und ohne die Risiken bei der Fliegerei im Gebirge zu vergessen.

An dieser Stelle wollen wir uns ganz herzlich bei Gerd und Janik für den menschlich wie fachlich tollen Lehrgang bedanken! Auch dafür, dass die beiden seit vielen Jahren Fluglehrern ermöglichen, mal über den eigenen Tellerrand hinaus zu blicken und in einer landschaftlich wahnsinnig imposanten Umgebung sicher die Vielfalt der Alpenfliegerei kennen zu lernen.

Ihr seid selbst junge, engagierte Fluglehrer und möchtet euch mal den Traum vom Alpenfliegen erfüllen? Der Multiplikatorenlehrgang 2021 wird vom 15. bis 28. August 2021 stattfinden. Die Anmeldung erfolgt über die Geschäftsstelle der Luftsportjugend des DAeC in Braunschweig. Wir jedenfalls können den Lehrgang jedem nur wärmstens ans Herz legen und freuen uns schon jetzt auf den nächsten Besuch in der Provence!

Jonas Blahnik, Simon Wachter